Jun
25
2009

Fandom im Jahre 1971

Hydra 7

Hydra 7

Beim Durchsehen meiner Fanzinesammlung bin ich auf die Ausgabe 7 des Fanzines HYDRA vom Februar 1972 gestoßen. Darin findet sich der folgende, interessante Rückblick auf das Fandomjahr 1971 von Folkert Mohrhof:

Einmal Marburg hin und zurück
Fandom im Jahr ’71

Haben wir nun endlich auch das Jahr 1971 hinter uns gebracht. Mit mehr oder weniger gemischten Gefühlen haben wir das neue vor uns. Ob es sich lohnt eine Fahrkarte nach Marburg zu kaufen, sollte nach Genuß dieses Aufsatzes oder Artikels einmal scharf durchdacht werden. Womit fängt man an, wenn man einen Rückblick auf ein Jahr geben will? Mit den Produkten, die man hergestellt hat, und auf die man gelegentlich stolz sein kann. Bei uns als: den FANZINES und MAGAZINEN…

1971 hat das Fandom eigentlich nichts Neues an Amateurpublikationen hervorgebracht. Der einzige Lichtblick neben den alt-eingesessenen Zeitschriften wie MRU*, SFT** und das SFCD-Magazin ANDROMEDA war wohl das neue MAGAZIN SIMPLIZISSIMUS aus Köln. Diese FOLLOW-Gruppe um Chefredakteur Hans Hermann Prieß hielt sich bisher recht wacker, doch wollen sie in der Zukunft mehr Wert auf Fantasie und S&S legen, als auf SF oder SL***,  wie Norbert Schiffer kürzlich treffend meinte. Wahrlich ein schmerzlicher Entschluß, zumal es mit FOLLOW, PIONEER OF WONDER und LANDS OF WONDER (jetzt MAGIRA) doch genügend Magazines für diese kleine Gruppe von FOLLOW-Anhängern gibt.

Vielleicht liegt es ja an den Absatzschwierigkeiten (die Hans Prieß nicht wahrhaben oder wenigstens von ihm verschwiegen werden), so daß man gerne Zwangsabnehmer wie FOLLOWer haben möchte. Ein anderer Grund wäre, daß Hans nicht mehr soviel mit SF zu tun haben möchte; wäre nicht abzustreiten, denn er engagiert eich politisch immer mehr. Es ist wirklich schade, brachte SMP auch zum größten Teil Nachdrucke.

Bleibe ich aber gleich bei den Absatzschwierigkeiten. Die kleinen und jüngeren Fanzines/Magazines können sich einfach nicht gegen die Auflagegiganten wie SFT, MRU oder ANDROMEDA behaupten. Das liegt zum größten Teil an den scheinbar an SF-Interessierten, denn sie meinen, wenn sie das linksgerichtete SFT lesen oder sich an den Witzen von Kumming und Co. Aufgeilen, reicht das aus um sich ein Bild vom Stand des Fandoms zu machen. Doch diese Leutchen täuschen sich gewaltig: wollen wir im Fandom politisieren oder uns unterhalten? Frustrierte Linke, die in einer Partei nichts zu sagen haben, und konsumfreudige Intellektuelle, die an PR nichts mehr finden, sollten sich auch aus dem Fandom heraushalten. Ich möchte betonen, daß ich nicht das Geringste gegen MRU und SFT habe, im Gegenteil, doch man genieße es in Grenzen, doch dafür sorgt ja schon die schwache Erscheinungsfolge.

Oder liegt es daran, daß ein altehrwürdiger BNF, der schon 1955 dabei war, sich in seinem Ehrgefühl beschmutzt fühlt, wenn er ein Fanzine wie HYDRA, ALPHA FANEWS oder ISOTOP liest? Leider sind die Namen der Herausgeber nicht so bekannt wie Ehrig, Heuter, Steinseifer, Alpers, Hahn, Pukallus. Brächte einer der oben genannten nur ein winziges Blättchen mit dem größten Mist heraus, würden sich bestimmt die Alten in den langen Abo-Listen wiederfinden lassen.
Es besteht also meiner Meinung nach ein Generationenproblem zwischen den Fans. Wie man das denn ändern könnte? Ganz einfach, die Fanzines müßten kostenlos (!!!)in ANDRO Werbeseiten veröffentlichen dürfen und der Vorstand unterstützt durch gute Kritiken gute Fanzines. Mehr braucht nicht getan werden, um eine neue Epoche von guten Zeitschriften zu erlangen; und außerdem durch berechtigte und wohlwollende Kritiken kommen auch Beiträge.

ANABIS, DEMETER, SLAN, und wie sie alle heißen mögen, sind nun mal eingegangen, sei es am schwindenden Idealismus oder am Geld, denn die meisten Leute hatten sich wohl an den Ausstattungen übernommen, darüber ist nicht hinwegzusehen.

Weiterhin sind mehrere kleine Fanzines herausgekommen, die aus den Schicksalen anderer nicht lernen wollten. Platz ist zwar da, aber kein Absatzgebiet. Haben die Leute an Unbekanntem kein Interesse? Die einzigste Möglichkeit, ‚mal 50 oder 100 Exemplare loszuwerden, ist wohl auf einem Con. Aber auch hier herrscht die Sauflethargie  vor; die BNF’s sitzen in einer Ecke und beschauen Pornos und die Neuen lassen sich von den wenigen übriggebliebenen Idealisten der alten Garde zu wenig beraten. Man kommt aber auch bei diesen und jenen Ratschlägen nicht über die Druckschwierigkeiten hinaus. Fragt man nach Beiträgen (z.B. Zeichnungen) zum Teil abgezeichnet waren und man heute keine Zeit mehr hätte. Aber die dicke Sammlung im Schrank vervollständigen und neue Clubs (wie die INCOS) gründen – dann kann man an mehreren Abenden sein Bierchen hinter die Binde kippen, das ist schön und das heißt dann fannisch aktiv sein!  Biertrinken kann ich auch, auch wenn mir das Zeug nicht schmeckt! Ich mache also den BNF’s den Vorwurf sich abzukapseln. Sollen sie doch lieber ihren Rosengarten oder sonstiges Blumenbeet pflegen anstatt auf Cons herumzuhocken und dort nur ihre weisen Sprüche von sich zu geben.
Es wundert mich eigentlich, warum noch kein Con während des Münchner Oktoberfestes gefeiert wurde.

Das Jahr 1971 war also auch nicht besser, als die vorausgegangenen. Die Lethargie machte sich eher noch deutlicher bei den älteren bemerkbar, die „Grünen“  machen sich jedoch recht gut; doch gehen diese wenigen Aktiven in der Masse der Nichtstuer und Scheininteressenten unter. Wenn wir so weitermachen, ist der SFCD bald mit einem stillen Moorgelände vergleichbar, in dem gelegentlich mal die eine oder andere Moorleiche gesichtet wird.

Es bleibt also NUR ZU hoffen, daß sich die wenigen Fanzines und Magazines, die „neu“ unter den drei Großen sind, sich wacker schlagen und nicht auch noch im Strudel des Schlamms untergehen. Konkurrenzdenken sollte möglichst ausgeschaltet werden, doch der hierfür eigens eingerichtete BLOCK war von Anfang an indiskutabel, er brauchte nicht sein, denn die Fanzines hatten alle ihre speziellen Gebiete. Die drei Großen werden immer bestehen, das steht fest, denn sie haben ihre Moorleichen gefunden.

STORY CENTER,  HYDRA, FANEWS, SMP und ALPHA sollen nicht das gleiche Schicksal wie die eingegangenen FANDOM, ANABIS erleben. Andere Fanzines haben Zahnfäule à gogo, um einmal mit dem Lästerbarden Ulrich Roski aus Berlin zu reden, und gehen doch nicht zum Schafott. Ich denke da an SFW, deren Herausgeber überall beigetreten sind und seit über einem Jahr nicht mehr die Zeit gefunden haben,  SFW 10 herauszubringen, und das bei einer Leserschar von  120 SF-Mäulern. Man sollte sich in Hildesheim mal in eine dunkle Ecke stellen und sich vor der eigenen Feigheit an den Kopf fassen. Feige ist es natürlich, immer zu sagen „… wir kommen dann und dann heraus…“, wenn noch keine Matrize getippt ist. Man hat Angst, sein Image zu verlieren, da ist alles. und daher sollten sich Dittmeier und Schmitt vor sich selbst schämen!

Komme ich wieder zu meiner Frage, ob sich eine Fahrt zum MARCON 1972 lohnt. Sie lohnt sich, aber nur dann, wenn man Freunde wiedertreffen will, um zu diskutieren, und nicht um zu saufen, daß kann man nämlich zu Hause billiger haben!

ENDE

erschienen in Hydra 7,  Februar 1972, Seite 78/79

Zur Erläuterung:

* MRU = Munich Round UP

** SFT = Science Fiction Times

*** SL = Spekulative Literatur

Written by in: Allgemein | Schlagwörter:

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